Interview des TTV Stadtallendorf mit Bundesliga-Schiedsrichter Michael Kamann

Du warst beim TTBL-Finale zwischen Borussia Düsseldorf und Fulda-Maberzell am 8. Juni 2014 als Tisch-Schiedsrichter im Einsatz. Wie wird man eigentlich Bundesliga-Schiedsrichter?

Das TTBL-Finale in Frankfurt war ein sehr schönes Erlebnis und es ist toll, als Schiedsrichter hautnah beim Weltklasse-Tischtennis dabei sein zu können. Um Bundesliga-Schiedsrichter zu werden, sollte man zunächst Interesse am Tischtennissport mitbringen und natürlich auch an dessen Regeln. Dann erwirbt man zuerst die Kreisschiedsrichter-Lizenz, nach drei Jahren aktiver Laufbahn kann man die nächste Lizenzstufe, die des Verbandsschiedsrichters, erlangen. Beide Lizenzen erwirbt man durch eine schriftliche, mündliche und praktische Prüfung. Weitere drei Jahre später kann dann, bei entsprechender Aktivität und Qualität, die nationale Schiedsrichterlizenz erworben werden. Diese Lizenzstufe braucht man mindestens, um in der Bundesliga eingesetzt zu werden. Es sieht aus wie ein langer Weg, aber wenn man das Ziel wirklich erreichen will, ist der Weg gar nicht so lang, und es lohnt sich…

Wie viel Zeit investierst Du pro Saison in Deine Schiedsrichter-Tätigkeit? Neben den Einsätzen musst Du ja auch regeltechnisch immer auf dem neusten Stand sein, d.h. du musst dich ständig fortbilden.

Es sind schon einige Tage und Stunden, die ich pro Saison am Tisch und in verschiedenen Hallen verbringe. Neben meinen Einsätzen in Fulda-Maberzell am Tisch bin ich außerdem noch Oberschiedsrichter beim NSC Watzenborn-Steinberg in der 1. Bundesliga Damen, sowie bei den Damen der TTF Frohnhausen in der Regionalliga West. Hinzu kamen in der letzten Saison noch die Deutschen Meisterschaften in Wetzlar, Deutsche Pokalmeisterschaften in Seligenstadt und weitere Veranstaltungen. Es macht mir Spaß, diese Einsätze zu leisten, deshalb sind es auch einige mehr, als gefordert werden. Allerdings soll niemand abgeschreckt werden, man muss nicht unbedingt so viele Aktivitäten nachweisen und es gibt Kollegen, die noch wesentlich mehr unterwegs sind. Hinzu kommt noch mein Amt als Kreisschiedsrichterwart, wo ich u.a. die Schiedsrichter auf Kreisebene jährlich fortbilde und für die kreis- und bezirksgebundenen Turniere einteile. Natürlich muss ich mich auch selbst fortbilden, alle zwei Jahre auf Verbandsebene und alle vier Jahre auf nationaler/internationaler Ebene. Du siehst, es ist schon einiges an Zeit, aber wie gesagt, es geht auch mit weniger Zeiteinsatz.

Im Tischtennis gab es in den letzten Jahren eine Vielzahl an Regeländerungen, nicht nur in den Bundesligen. Ich denke da beispielsweise an die Verkürzung der Sätze oder die größeren Bälle. Wie beurteilst Du aus Sicht eines Schiedsrichters diese Regeländerungen?

Bei Regeländerungen gibt es natürlich immer pro und contra, jeder sieht es anders und am Ende findet doch jeder, der Tischtennis spielt, unseren Sport faszinierend. Als Schiedsrichter nimmst Du die Regeln, wie sie kommen, wir können sie nicht ändern und setzen sie um. Die Verkürzung der Sätze hat meiner Meinung nach die Spiele attraktiver gemacht, man muss gleich um jeden Punkt kämpfen und kann sich nicht sagen, bis 15:15 schiebt man sich erstmal nur das Bällchen hin und her. Diese für den Zuschauer doch eher langweiligen Spiele gibt es nun so gut wie gar nicht mehr, da selbst Spiele, die nach der Wechselmethode gespielt werden (Zeitspiel), nun noch härter umkämpft sind. Bei den größeren Bällen scheiden sich die Geister, ich gehe davon aus, dass die Zuschauer die Bälle besser sehen können. Sehr gespannt bin ich auf die Einführung des neuen Plastikballes. In der Bundesliga gab es eine sehr positive Änderung, es darf jetzt zwischen den Ballwechseln gecoacht werden. Seitdem ist es für Trainer, Spieler und auch Schiedsrichter wesentlich angenehmer, nicht mehr auf jede Zuckung, Ohrenjucken oder Äußerung in welcher Sprache auch immer achten zu müssen.

Kommen wir zurück zur Bundesliga. Diese gilt neben der chinesischen Super-League als stärkste Liga der Welt. Das heißt, du kommst den besten Tischtennisspielern der Welt ganz nahe. Was war das bisher beste Spiel, was du je gezählt hast?

Das ist schwer zu sagen, da, wie Du schon sagst, die Bundesliga eine der stärksten Ligen der Welt ist und dort sehr viele hervorragende Spiele zu erleben sind. Herausragend war die Partie zwischen Timo Boll und Wang Xi beim TTBL-Finale, sowohl von der Intensität als auch von der Qualität, und das bei den tropischen Temperaturen in der Halle. Tolle Spiele habe ich auch häufig bei Jan-Ove Waldner erleben dürfen. Unvergeßlich sind aber auch die Partien des TTV Gönnern in der Perftalhalle in Breidenbach. Viele Gespräche mit Beteiligten und Zuschauern von damals zeigen mir, dass diese Zeit fast so etwas wie Kultstatus erlangt hat und vielen für immer im Gedächtnis bleiben wird

Was war dein schönstes/kuriosestes Erlebnis als Schiedsrichter?

Leider weiß ich nicht mehr, wer daran beteiligt war. Es war ein langer Ballwechsel, es ging hin und her. Der eine Akteur griff stark an und der andere löffelte den Ball unverdrossen aus der Defensive zurück. Mit einer wuchtigen Vorhandpeitsche dachte der Angreifer, den Ballwechsel entschieden zu haben und drehte schon jubelnd ab, als der Abwehrer noch irgendwie an den Ball kommt, diesen sehr hoch zurückspielt und der Ball im Rücken des jubelnden Gegners noch hörbar die Kante berührt. Sowas vergißt man nicht, Namen schon das ein oder andere Mal…;-) Sehr schön war auch, als Torsten Märte mir bei seiner Ansprache vor einer Partie des TTV Gönnern zum Erwerb der nationalen Schiedsrichterlizenz gratulierte und Jörg Roßkopf mir daraufhin persönlich per Handschlag gratulierte. Nie vergessen werde ich die WM 2012 in Dortmund, die von Anfang bis Ende absolut gelungen war.

Aber es gibt bestimmt auch Erlebnisse, die Du lieber aus dem Gedächtnis streichen würdest, oder?

In der Bundesliga nicht, dort sind sich die Spieler eigentlich fast immer einig. Was ich sehr schlimm finde, ist die Tatsache, dass es im Nachwuchsbereich immer noch Angehörige von Kindern gibt, die nach einem verlorenen Spiel ihren Nachwuchs ohrfeigen und aufs übelste beschimpfen. Das habe ich schon einige Male auf Tribünen gesehen und denke, das müßte irgendwie geahndet werden. Mit sportlichem Ehrgeiz hat das nichts mehr zu tun.

Bundesliga-Schiedsrichter im Fußball verdienen pro Einsatz mehrere tausend Euro. Das ist sicherlich bei Bundesliga-Schiedsrichtern im Tischtennis nicht anders.....

In den Zeitungen würde jetzt stehen „(lacht)“…Der Tischtennis-Schiedsrichter handelt ehrenamtlich, deshalb gibt es in der TTBL und der 1. Bundesliga Damen lediglich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 26 Euro plus Fahrtkosten. Reich wird man also davon nicht, man muss schon ein Idealist sein und sehr viel Freude an diesem Sport haben. Wenn man dann noch viele Unwissende hört, die sagen „oh schon wieder welche von den hohen Kostenfaktoren in der Halle unterwegs“, kann man nur mit dem Kopf schütteln. Es gibt überhaupt keinen Vergleich zu den Fußball-Schiedsrichtern, außer, dass auch wir immer wieder Höchstleistungen zu erbringen haben. Aber wir machen das gerne, denn die Nähe zum Spielgeschehen, dieses „Mittendrin statt nur dabei“, entschädigt schon für vieles. Allerdings rate ich jedem ab, der nur des Geldes wegen Schiedsrichter werden will.

Gibt es etwas, was Du dem Schiedsrichter-Nachwuchs mit auf den Weg geben würdest?

Jedem, der die Lizenz nur erwerben muss, um seinem Verein die fällige Strafe zu ersparen, rate ich davon ab, denn das ist nicht der richtige Weg, und auf kurz oder lang wird derjenige entweder seine Lizenz freiwillig wieder abgeben oder wegen Passivität verlieren. Ich rate jedem, sich vorher auf der HTTV-Homepage mit den Anforderungen vertraut zu machen und sich dann zu fragen, ob er das will oder nicht. Wenn man dann die Lizenz erwirbt und anfängt, auf Kreisveranstaltungen tätig zu sein, kann man sich überlegen, ob man weiterkommen will oder nicht. Wenn man die Stars als Schiedsrichter am Tisch erleben will, ist es kein einfacher, aber sicherlich lösbarer Weg. Als Neuling würde ich das Gespräch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen suchen, um zu erfahren, was möglich ist. Dabei hat sicherlich jeder erfahrene Schiedsrichter die ein oder andere Anekdote zu erzählen und auch Tipps auf Lager, wie man das Beste aus seiner Schiedsrichter-Tätigkeit machen kann. Auf keinen Fall würde ich das Ganze auf blauen Dunst angehen. Ich hoffe, dass es weiterhin nicht an Schiedsrichter-Nachwuchs mangeln wird und wünsche allen „Rookies“ viel Spaß und Freude an ihrer Tätigkeit

Michael, wir vom TTV Stadtallendorf sagen Danke für das interessante Interview und wünschen Dir auf deinem weiteren Schiedsrichter-Weg weiterhin alles Gute!

 

Das Interview führte Carsten Zulauf

 

Wer Interesse hat, sich als Schiedsrichter ausbilden zu lassen, stößt beim TTV Stadtallendorf auf offene Ohren. Informationen zur Schiedsrichter-Ausbildung gibt es beim Vorsitzenden des TTV, Rolf-Werner Schmidttdiel, oder bei Sportvorstand Carsten Zulauf.

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